ZfdA 139 (2010), S. 132f.

Mittelalter-Philologie im Internet

36. Beitrag: Der Editionsbericht - Melde- und Schnittstelle für Editionsvorhaben zu Mittelalterlichen Deutschen Texten

von Astrid Breith

Die Idee, neben aktuell erschienenen mittelalterlichen Texten eine Übersicht über künftig zu erwartende Ausgaben zu erstellen, wurde zum ersten Mal im Jahr 1963 von Hanns Fischer im vierten Jahrgang der noch jungen Zeitschrift 'Germanistik' umgesetzt. Fischer unternahm diese Zusammenschau im Auftrag der 'Kommission für deutsche Literatur des Mittelalters der Bayerischen Akademie der Wissenschaften' und konnte damals 61 Projekte aus dem Zeitraum vom 8./9. bis zum 16. Jh. verzeichnen. Der Bericht bot eine hervorragende Orientierungshilfe über die aktuellen Forschungsfelder und half, Doppelbearbeitungen zu vermeiden. Der seither jährlich in gedruckter Form erscheinende Bericht wurde 1997 an die Arbeitsstelle 'Deutsche Texte des Mittelalters' (DTM) der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften übergeben.(1) Seit vier Jahren gibt es eine Online-Version des Berichts, in welcher alle gemeldeten Daten tagesaktuell abgerufen werden können.(2)

Im Editionsbericht sind derzeit 218 Editionsprojekte gemeldet. Das älteste hat eine Laufzeit von 40 Jahren bereits überschritten, bei dem jüngsten handelt es sich um eine gerade erst begonnene Dissertation. Sortiert werden die Projekte nach alphabetischer Reihenfolge bzw. der Sortierfolge des Verfasserlexikons in seiner 2. Auflage. Nicht im VL enthaltene oder erst im Nachtragsband behandelte Autoren und Werke werden analog nach einer fiktiven Sortierfolge in das Schema eingegliedert. Anthologien und Sammelhandschriften werden im Anschluß an den alphabetischen Index gesondert aufgeführt.

Die Anmeldung eines Projekts kann jederzeit erfolgen, sie wird in der Regel über das Internet vorgenommen, aber auch schriftliche oder telephonische Meldungen sind möglich. Die Homepage des Editionsberichts stellt ein elektronisches Anmeldeformular zur Verfügung,(3) in welchem mindestens Einträge zu Name und Adresse des Betreibenden, der Projekttitel (möglichst mit Nennung der Leithandschrift) sowie das Meldedatum angegeben werden sollten. Es steht den Meldenden jedoch auch frei, ausführliche Daten zu ihren Forschungsprojekten anzuführen oder auf Weblinks zu eigenen Projektseiten zu verweisen. Wenn erwünscht, kann ein Projekt auch anonym im Netz angekündigt werden - im Falle einer Anfrage zu diesem Titel wird der Kontakt zum Editor gegebenen­falls von der Redaktion vermittelt. Einmal im Jahr werden alle Editoren vom Redaktionsteam des Editionsberichts angeschrieben und um eine Aktualisierung ihrer Daten gebeten. Die daraufhin überarbeitete Version der Internetseite wird am Jahresende in der 'Germanistik' abgedruckt.(4)

Neben der Übersicht über die in Arbeit befindlichen Projekte bietet die Homepage unter der Rubrik 'Erschienen' eine Liste der im laufenden Jahr in Buchform oder als Online-Ausgabe veröffentlichten Editionen. Die erschienenen Editionen der letzten zehn Jahre können unter dem Link 'Abgeschlossene Editionen' aufgerufen werden. Auch abgebrochene Projekte werden auf der Homepage aufgeführt. Mit Einverständnis der Meldenden werden im Feld 'Aufgegebene Projekte' Vorhaben aufgelistet, die nicht weiter verfolgt werden. In manchen Fällen kann es sich hier um einen editorischen Nachlaß handeln, der mitunter gerne an enthusiastische (Nachwuchs-)­Wissenschaftler abgegeben werden würde.

Seit September 2009 werden die gemeldeten Editionsprojekte auch mit den Daten der jeweiligen Überlieferungsträger im Handschriftencensus (HSC) verlinkt; sie sind somit bereits vorab in die Publikationskreisläufe der Wissenschaftscommunity eingebunden und erhalten mehr Online-Präsenz.(5)

Die wechselseitigen Querverbindungen des Editionsberichts zu zwei ebenfalls von den DTM verwalteten Forschungseinheiten, dem 'Handschriftenarchiv' (HSA) sowie dem im Aufbau befindlichen 'Elektronischen Handschriften Zentrum' (EHZ), bieten Wissen­schaftlern wertvolle Informationen zu Überlieferung und Aufbereitung historischer Textzeugen.(6) Das HSA stellt in Vernetzung mit dem HSC und 'Manuscripta Mediaevalia' eine der wichtigsten Quellen zur Überlieferungsforschung dar; in der Datenbank des EHZ können Transkriptionen und andere Früchte der Editionsarbeit nach einheitlichen Standards aufbereitet und online zugänglich gemacht werden. Die Mitarbeiter der Arbeits­stelle DTM stehen darüber hinaus jederzeit für Anfragen und Auskünfte zu Fragen der Überlieferung und Editionspraxis zu Verfügung.

Für die DTM: Dr. Astrid Breith, Arbeitsstelle Deutsche Texte des Mittelalters der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Jägerstraße 22/23, D-10117 Berlin
E-Mail: breith@bbaw.de

Anmerkungen:

  1. J. Wolf, Wer ediert was, wo und wie? Der 'Editionsbericht' als papiernes und elektronisches Hilfsmittel für den Editor, in: Wege zum Text. Überlegungen zur Verfügbarkeit mediävistischer Editionen im 21. Jahrhundert (Grazer Kolloquium 17.-19. September 2008), hg. von W. Hofmeister und A. Hofmeister-Winter (Beihefte zu editio 30), Tübingen 2009, S. 229-240.
  2. S. unter: http://dtm.bbaw.de/E_Bericht/editionsbericht.html.
  3. S. unter: http://dtm.bbaw.de/E_Bericht/editionsbericht.html#Neuanmeldung.
  4. Zuletzt erschienen: A. Breith, Editionsvorhaben zu Mittelalterlichen Deutschen Texten, in: Germanistik 50 (2009) 496-509.
  5. S. unter: http://www.handschriftencensus.de.
  6. J. Wolf, Hilfsmittel für die Editionspraxis: Das Handschriftenarchiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Handschriftencensus, editio 21 (2007) 151-168; zu den Webadressen siehe: http://www.bbaw.de/forschung/dtm/HSA/startseite-hsa.html und http://dtm.bbaw.de/ehz.html.
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