ZfdA 138 (2009), S. 279f.

Mittelalter-Philologie im Internet

31. Beitrag: Handschriftencensus - Eine Bestandsaufnahme

von Jürgen Wolf

Schon den Gründervätern der Germanistik galten die mittelalterlichen Überlieferungszeugen als Schlüssel zur Rekonstruktion der Vergangenheit. In der Vorrede des 'Literarischen Grundriß'(1) formulieren Büsching und von der Hagen das Programm hinsichtlich der zu erfassenden Überlieferung bereits im Jahr 1812 wie folgt: "Sonst dünkte uns für unseren Zweck nur Folgendes erforderlich: der Titel, der Verfasser, die Mundart, die Veranlassung, die Zeit, die Form, der Umfang; die Handschriften und Drucke (seien es auch nur Bruchstücke oder Stellen), ihre Beschaffenheit und Material, Blätter- oder Seitenzahl, Format, Zeit und Ort, Schreiber oder Drucker und Verleger, und jetziger Besitzer; darunter auch Nachricht von verlorenen Exemplaren" (S. XIIIf.).

Aber selbst größere und größte Handschriftenbestände des Mittelalters blieben unerschlossen - von der reichen Streuüberlieferung in kleineren Stadt-, Kirchen-, Adels-, Schul- und Privatbibliotheken gar nicht zu sprechen. Im Jahr 1904 initiierte die Königlich Preußische Akademie der Wissenschaften in Berlin mit dem 'Handschriftenarchiv' erstmals ein Projekt, das weltweit alle deutschsprachigen Hss. erfassen sollte. Lange vor Erreichen des Ziels beendete der Zweite Weltkrieg das revolutionäre Projekt. Moderne Katalogisierungsprogramme und als Koordinierungseinheit das Internetportal 'Manuscripta Mediaevalia'(2) traten an seine Stelle. Ein zentrales Erfassungsorgan deutschsprachiger Hss. blieb aber ein Forschungsdesiderat. Diese Lücke füllt seit einigen Jahren der internetbasierte 'Handschriftencensus' (http://www.handschriftencensus.de) unter dem Dach der 'Marburger Repertorien' (http://www.marburger-repertorien.de).

In der Arbeitsgruppe 'Handschriftencensus' bemühen sich Forscher aus Österreich, der Schweiz und Deutschland, die in der weltweiten Forschungsgemeinde seit dem ausgehenden 19. Jh. aufgelaufenen Daten zu deutschsprachigen Hss. zusammenzutragen. Gleichzeitig hat man sich in der Arbeitsgruppe zum Ziel gesetzt, einerseits alle Neuentdeckungen möglichst zeitnah in der Datenbank zu dokumentieren und via Internet zugänglich zu machen sowie andererseits auch selbst aktiv nach bisher unbekannten oder zwischenzeitlich verschollenen Hss. zu fahnden. In der dem open access-Gedanken verpflichteten Datenbank werden zu diesem Zweck die wesentlichen kodikologischen und paläographischen Daten erfaßt sowie Forschungserträge in Form eines Abbildungsverzeichnisses und einer Bibliographie dokumentiert. Um den schnellen Zugriff sowohl auf die Hss. als auch auf die in ihnen überlieferten Werke zu gewährleisten, bietet die Datenbank verschiedene Zugriffsvarianten: Neben einem nach Bibliotheksorten, Institutionen und Signaturen sortierten 'Gesamt­verzeichnis Handschriften' gibt es ein 'Gesamtverzeichnis Autoren / Werke'(3).

Zusätzlich ist die gesamte ausgewertete Forschungsliteratur in einer eigenen Daten­bank unter der Rubrik 'Forschungsliteratur zu deutschsprachigen Handschriften des Mittelalters' zusammengefaßt. Handschriftenbeschreibungen und Literaturdatenbank sind miteinander verknüpft. 'Neuigkeiten' zu Neufunden, Wiederentdeckungen, Umsig­nierungen etc. werden in der gleichnamigen Rubrik fortlaufend aktualisiert. Von Verlagen zur Verfügung gestellte Neuerscheinungen sind unter 'Zur Auswertung eingegangene Literatur' aufrufbar. Hinweise zum Gebrauch und den spezifischen Inhalten der einzelnen Angebote finden sich in der 'Einführung'.

Über das frei zugängliche Internetportal des Handschriftencensus sind mittlerweile ca. 22'700 Signaturen in 20'200 Einträgen erfaßt (Stand März 2009). Darin enthalten sind auch die im 'Paderborner Repertorium'(4) (ca. 260 Signaturen / 230 Einträge) und die im 'Marburger Repertorium deutschsprachiger Handschriften des 13. und 14. Jahrhunderts'(5) (ca. 3850 Signaturen / 2800 Einträge) beschriebenen Textzeugen. Die Hss., die in 684 Bibliotheks­orten mit 1262 Bibliotheken (jeweils ohne Privatbesitz) aufbewahrt werden, tradieren 5634 Autoren und Werke. Die Arbeitsgruppe geht nach vorsichtigen Schätzungen von einer Gesamtzahl von rund 25-27'000 erhaltenen deutschsprachigen Hss. und Fragmenten aus.(6) Damit die Stücke erfaßt und beschrieben werden können, ist die Arbeitsgruppe auf die Hilfe der Forschungsgemeinde angewiesen. Diese Hilfe wird auch benötigt, um Defizite, Lücken und Fehler im bestehenden Datenbestand zu beseitigen, denn nur im Zusammenspiel aller erscheint ein solches Vorhaben realisierbar. Um die zu diesem Zweck nötige Kommunikation mit der Forschungsgemeinde zu optimieren, verfügt die Datenbank über eine Mitteilungsfunktion: Mit einem Klick auf das bei jedem Datensatz vorhandene Linkfeld 'Mitteilung (Ergänzung/Korrektur)' öffnet sich ein Freitextfeld, in das alle Informationen eingetragen werden können, die dann umgehend geprüft, gegebenenfalls redaktionell bearbeitet und übernommen werden.

Für die Arbeitsgruppe: Prof. Dr. Jürgen Wolf, TU Berlin - FG Ältere Deutsche Philologie, Straße des 17. Juni 135, D-10623 Berlin
E-Mail: juergen.wolf.1@tu-berlin.de

Anmerkungen:

  1. Literarischer Grundriß zur Geschichte der Deutschen Poesie von der ältesten Zeit bis in das sechzehnte Jahrhundert durch F. H. von der Hagen und J. G. Büsching, Berlin 1812.
  2. Vgl. http://www.manuscripta-mediaevalia.de.
  3. Das 'Gesamtverzeichnis Handschriften' listet - nach den heutigen bzw. den zuletzt bekannten Aufbewahrungsorten sortiert - alle bisher erfaßten Textzeugen auf, über die Informationen in der Datenbank vorliegen; in Privatbesitz befindliche Stücke stehen am Ende des Alphabets. - Das 'Gesamtverzeichnis Autoren / Werke', das sich bei den Bezeichnungen an die 2. Auflage des Verfasserlexikons anlehnt, faßt überblickhaft die einschlägigen Textzeugen und deren aktuelle Aufbewahrungsorte und Signaturen zusammen. Die Anordnung innerhalb der Überlieferungszusammenstellungen erfolgt in der alphabetischen Reihenfolge der heutigen bzw. der zuletzt bekannten Aufbewahrungsorte; in Privatbesitz befindliche Stücke stehen am Ende des Alphabets; zusammengehörige, aber an verschiedenen Bibliotheksorten bzw. unter verschiedenen Signaturen aufbewahrte Stücke der gleichen Hs. werden nur an einer Stelle aufgeführt und mit "Discissus ..... usw." gekennzeichnet.
  4. Vgl. E. Krotz und St. Müller, Das Paderborner Repertorium der deutschsprachigen Textüberlieferung des 8. bis 12. Jahrhunderts, ZfdA 137 (2008) 274f.
  5. Vgl. zuletzt J. Heinzle, M. Bauer, K. Klein und D. Könitz, Zum aktuellen Stand der 'Marburger Repertorien', ZfdA 137 (2008) 134-136.
  6. Die Zahlen beziehen sich auf alle im weiteren Sinn literarischen Hss. einschließlich pragmatischen und geistlichen Handschriftenmaterials. Nicht eingerechnet sind archivalische Textzeugen, deren Anzahl noch nicht einmal annäherungsweise geschätzt werden kann. Nach Stichproben in deutschen Archiven ist von einer mindestens ähnlich großen Zahl wie im literarischen Bereich auszugehen.
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