ZfdA 138 (2009), S. 136-139

Mittelalter-Philologie im Internet

30. Beitrag: Zur Online-Lexikographie des mittelalterlichen Deutsch und ihrer Vernetzung. Zwischenbilanz 2008

von Ralf Plate

Über die Anfänge der Digitalisierung der historischen Lexikographie des Deutschen ist in dieser Zeitschrift 2001 berichtet worden in einem Aufsatz über den 'Mittelhochdeutschen Wörterbuchverbund' (MWV),(1) der die Mittelhochdeutschen Wörterbücher des 19. Jh.s (BMZ = Benecke / Müller / Zarncke; Lexer), das Quellenverzeichnis dazu von Eberhard Nellmann und das Supplement des Trierer 'Findebuchs zum mittelhochdeutschen Wortschatz' enthält.(2) Im Mittelpunkt des Berichts standen die Recherche-Funktionen der CD-Fassung. Die schon zuvor und bis heute weiterhin daneben kostenfrei im Internet zugängliche Version des MWV wurde nur einleitend beiläufig erwähnt, aus verständlichen Gründen: Handelt es sich doch bei der Online-Ausgabe um eine hinsichtlich ihrer Benutzungsmöglichkeiten gegenüber der CD beträchtlich reduzierte Fassung. Dasselbe gilt für das Verhältnis von CD und Online-Fassung des 2004 von derselben Trierer Arbeitsgruppe publizierten 'Digitalen Grimm', also des (retrospektiv) digitalisierten Deutschen Wörterbuchs der Brüder Grimm (DWB).

Inzwischen haben sich die Gewichte deutlich zugunsten der Online-Publikation verschoben, wie sich daran zeigt, daß von zwei aktuell in Bearbeitung befindlichen Vorhaben umfassende kostenfreie Online-Angebote bereitgestellt werden, jene des 'Deutschen Rechtswörterbuchs' (DRW Online, seit Anfang 2004) und des neuen 'Mittelhochdeutschen Wörterbuchs' (MWB Online, seit Ende 2007); weitere Online-Angebote sind im Aufbau (Schweizerisches Idiotikon) oder werden erprobt (Neubearbeitung des Grimmschen Wörterbuchs für die Buchstaben A bis F, 2DWB). Ausschlaggebend für das Internet sind (abgesehen von der kostenfreien allgemeinen Zugänglichkeit) zwei substantielle inhaltliche Aspekte: die Dynamik der Angebote und ihre externen Vernetzungsmöglichkeiten. Ersteres betrifft neben der freieren Aktualisierungsmöglichkeit vor allem den erleichterten komponentiellen Aufbau, ein für die Online-Lexikographie zentrales Merkmal, wie gleich noch näher zu erläutern ist. Der zweite Aspekt, die externen Vernetzungsmöglichkeiten, ist umso wichtiger, je größer die Arbeitsteilung zwischen verschiedenen Vorhaben ist. Auf dem Gebiet der Lexikographie des mittelalterlichen Deutsch ist sie bekanntlich stark ausgeprägt. Bei den aktuell in Bearbeitung befindlichen großen Belegwörterbüchern zeigt sie sich in dem Nebeneinander von drei Epochenwörterbüchern zum Althochdeutschen (AWB, von den Anfängen bis 1100), Mittelhochdeutschen (MWB, 1050 bis 1350) und Frühneuhochdeutschen (FWB, 1350 bis 17. Jh.) mit dem auf die gesamte deutsche Sprachgeschichte bezogenen DWB und seiner Neubearbeitung für die Buchstaben A bis F (2DWB), dem auf die gesamte Geschichte der deutschen (und darüber hinaus der älteren westgermanischen) Rechtssprache bezogenen DRW, und schließlich dem auf die gesamte Geschichte des Schweizerdeutschen bezogenen Schweizerischen Idiotikon.(3) Die Arbeitsteilung zwischen diesen Großwörterbüchern (und einer Reihe weiterer Hilfsmittel, von denen aus Gründen der Übersichtlichkeit hier abgesehen sei) ist historisch gewachsen und mehr oder weniger gut begründet, weist aber einerseits große Überschneidungszonen in den Quellenbereichen der einzelnen Werke auf, während sie andererseits kaum Möglichkeiten zur Synthese der arbeitsteilig gewonnenen Erkenntnisse bietet.(4)

Der Aufbau der Online-Angebote aus einzelnen miteinander verbundenen Komponenten, von denen das Wörterbuch selbst die zentrale, aber eben nicht mehr die einzige ist, darf als wichtiges Merkmal der Online-Lexikographie bezeichnet werden, das sie von den entsprechenden Druckwerken unterscheidet. In den zur Zeit am weitesten fortgeschrittenen Angeboten des DRW und des MWB gibt es folgende selbständige Komponenten: Wörterbuch, Stichwortliste, Quellenverzeichnis, Belegarchiv, Quellentexte. Jede dieser Komponenten kann mit jeder anderen und außerdem mit externen Online-Ressourcen vernetzt sein. Weil jede Komponente für sich stehen kann, muß die Bereitstellung eines Online-Angebots nicht unbedingt gleich mit dem Wörterbuch selbst beginnen. So waren in einer Vorgängerfassung von MWB Online bereits seit dem Jahr 2000 die Stichwortliste und wachsende Belegsammlung im Internet frei zugänglich, und das gerade eingerichtete Online-Angebot des Schweizerischen Idiotikons enthält zunächst nur das Quellenverzeichnis und die Stichwortliste. Dies sollte auch den beiden noch nicht im Internet vertretenen Belegwörterbüchern zum mittelalterlichen Deutsch, dem AWB und FWB, Mut machen, die Aufgabe anzugehen.

Die externe Vernetzung der einzelnen Online-Wörterbuchangebote untereinander kann ebenfalls im Prinzip über jede einzelne Komponente eingerichtet werden, und sie kann dezentral, das heißt von den einzelnen Unternehmen jeweils unabhängig voneinander, in Angriff genommen werden, sofern die Daten dafür von den Vernetzungspartnern bereitgestellt werden.(5)

Der derzeitige Stand der Online-Lexikographie zum mittelalterlichen Deutsch sei in einem kurzen Durchgang durch die bislang vertretenen Komponenten und Vernetzungsrelationen der genannten Wörterbücher festgehalten.(6)

Der Wörterbuchtext ist vollständig zugänglich im Falle der abgeschlossenen und retrospektiv digitalisierten Werke des MWV und DWB. Im Falle des DRW reicht er bis zum Artikel 'Reich' (Bd. 11, Sp. 555-566), endet also gut 1000 Spalten früher als der 2007 fertiggestellte Bd. 11 (bis 'Satzzettel', Sp. 1596); auch MWB Online ergänzt die im Druck erschienenen Teile jeweils nach einer Schutzfrist, die bei uns ein halbes Jahr beträgt, und umfaßt zur Zeit die 2006 und 2007 erschienenen ersten beiden Doppellieferungen (bis zum Artikel 'bluotekirl'). Nur Proben vom Umfang jeweils einer Lieferung aus den Bänden 3 und 9 bieten die beiden Arbeitsstellen des 2DWB auf ihren Seiten, ganz ohne Wörterbuchtext ist bislang das Internetangebot des Idiotikon; FWB und AWB haben zur Zeit noch kein Internetangebot.

Eine Stichwortliste bieten alle im Internet vertretenen Wörterbücher mit Ausnahme von 2DWB. Sie dient im Falle des Schweizerischen Idiotikon dem Nachweis der betreffenden Artikel im gedruckten Werk, im Falle der übrigen Wörterbücher als Einstieg in den elektronischen Wörterbuchtext. Die Stichwortliste des MWB enthält nicht nur die bereits bearbeiteten Lemmata, sondern darüber hinaus die gesamte Artikelkandidatenliste, zur Zeit rd. 85'000 Lemmata, die vollständig mit den im MWV bereitgestellten älteren Hilfsmitteln verknüpft sind. Das Online-Angebot des MWB ist damit der zentrale Einstiegsort in die Online-Lexikographie zum Mittelhochdeutschen; da vor allem Lexers Handwörterbuch in großem Umfang auch Quellen aus dem jetzt vom FWB bearbeiteten Zeitraum des 14. und 15. Jh.s erschließt, deckt die Stichwortliste von MWB Online auch einen Teil der Stichwortliste des FWB in mittelhochdeutscher Normalisierung ab.

Ihre Quellenverzeichnisse bieten online und als eigenständige Komponente bislang DRW, MWB (in beiden Fällen verknüpft mit den im Wörterbuchtext gebrauchten Siglen) und das Idiotikon. Das Quellenverzeichnis des DWB gibt es bislang nur auf der CD-Fassung (und dort nicht verknüpft mit den Siglen im Wörterbuchtext), jenes zum MWV ist - anders als in der parallelen CD-Fassung - online nicht als selbständige Komponente realisiert, aber über die Verknüpfung mit den Siglen im Wörterbuchtext punktuell einsehbar.

Sowohl das DRW wie das MWB bieten in großem Umfang die Möglichkeit, aus dem Wörterbuch heraus Quellentexte selbst einzusehen. Im Falle des MWB sind dies elektronische Volltexte, beim DRW vor allem Faksimiles von Quelleneditionen. Die Volltextkomponente des DRW wird jedoch weiter ausgebaut und besticht durch ihre bidirektionale Verknüpfung: Stellen, die im Wörterbuch zitiert werden, sind nicht nur vom Wörterbuch in den Quellentext verknüpft, sondern auch umgekehrt aus dem Quellentext in den betreffenden Wörterbuchartikel. Die elektronischen Volltexte des MWB, zur Zeit rund 200 Siglen, sind bislang schon aus den betreffenden Stellen im Belegarchiv und aus den Zitaten in den ausgearbeiteten Wörterbuchartikeln einsehbar. Sie sollen in der ersten Hälfte des Jahres 2009 auch als eigenständige Komponente bereitgestellt und über das Quellenverzeichnis abrufbar und durchsuchbar gemacht werden.(7)

Über eine digitale Belegsammlung verfügt als selbständige Komponente bislang allein MWB Online, zur Zeit rund 1,4 Mio. Belege zu rd. 26'500 Stichwörtern. Das DRW bietet jedoch für jeden Artikel die Möglichkeit, sich die weiteren Belege für die dort vorkommenden Formen des Stichworts im gesamten Wörterbuchtext und darüber hinaus in den elektronischen Volltexten ausgeben zu lassen.

Externe Vernetzungen der verschiedenen Online-Publikationen untereinander gibt es bislang nur für den Wörterbuchtext selbst, und zwar auf Artikelebene, d.h. durch Verknüpfung der einander entsprechenden Artikelstichwörter. Diese Verknüpfungsweise wurde erstmals für den MWV realisiert, auf der Grundlage der Gesamtstichwortliste des MWB, das auf diese Weise, wie schon gesagt, selbst mit seinen Vorgängern verknüpft ist. Das DRW ist ebenfalls mit dem MWV und darüber hinaus auch mit dem DWB verknüpft.

Der vorstehende Bericht über den zur Zeit erreichten Stand der Online-Lexikographie zum mittelalterlichen Deutsch zeigt bereits eine große Vielfalt an Hilfsmitteln, Materialien und Nutzungsmöglichkeiten, läßt aber gerade damit auch die Desiderate, besonders hinsichtlich des Althochdeutschen und (älteren) Frühneuhochdeutschen, umso schmerzlicher deutlich werden. - Wie die einzelnen Wörterbücher selbst von ihren Online-Angeboten profitieren können, hat kürzlich ein Kolloquium des Deutschen Rechtswörterbuchs gezeigt, bei dem sich Lexikographen und wissenschaftliche Wörterbuchnutzer aus verschiedensten rechtshistorischen Projekten in lebhaftem Austausch begegnet sind, der nicht zuletzt über die intensive Nutzung von DRW Online vermittelt war.(8)

Adressen (zuletzt eingesehen am 12.12.2008):

Online-Angebote:

DRW = Deutsches Rechtswörterbuch:
http://drw-www.adw.uni-heidelberg.de/drw/

DWB = Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm:
http://www.dwb.uni-trier.de/

2DWB = Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Neubearbeitung:
http://pom.bbaw.de/dwb (2DWB Berlin)
http://www.dwb-digital.adw-goettingen.gwdg.de/WebDwb (2DWB Göttingen)

MWB = Mittelhochdeutsches Wörterbuch:
http://www.mhdwb-online.de/

MWV = Mittelhochdeutscher Wörterbuchverbund (BMZ, Lexer, Findebuch):
http://www.mwv.uni-trier.de/

Informationsseiten:

AWB = Althochdeutsches Wörterbuch:
http://www.saw-leipzig.de/sawakade/3vorhabe/althdt.html

FWB = Frühneuhochdeutsches Wörterbuch:
http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/~d68/html/fwb/fwb1.htm


Dr. Ralf Plate, Mittelhochdeutsches Wörterbuch, Universität, D-54286 Trier
E-Mail: plate@uni-trier.de

Anmerkungen:

  1. Bibliographische Angaben und weitere Informationen zu den in diesem Beitrag genannten Wörterbüchern finden sich auf den am Schluß aufgeführten Internetseiten.
  2. Th. Burch und J. Fournier, Lexikographische Information per Mausklick: Die wichtigsten Wörterbücher zum Mittelhochdeutschen auf einer CD-ROM, ZfdA 130 (2001) 306-318.
  3. Zur historischen Dialektlexikographie des Deutschen und dem Anteil der älteren Sprachgeschichte in den einzelnen Wörterbüchern vgl. Ch. Landolt, Neuere Entwicklungen in der historischen Dialektlexikographie des Deutschen, Lexicographica 23 (2007) 151-172, hier S. 154f.
  4. Am Beispiel der Bearbeitung des Mittelhochdeutschen im MWB und seiner partiellen Mitarbearbeitung im AWB, FWB, DWB, DRW ist die Arbeitsteilung thematisiert in: R. Plate, Das Mittelhochdeutsche Wörterbuch: Beleglexikographische Konzeption, EDV, Vernetzungspotential, Lexicographica 23 (2007) 77-91, hier S. 78-80. - Die fehlenden Synthesemöglichkeiten ergeben sich allein schon aus dem Umstand, daß die drei auf den Gesamtzeitraum bezogenen Werke den drei Epochenwörterbüchern weit vorangeschritten sind; einzig für die noch ausstehende Artikelstrecke des Buchstabens B kann die Neubearbeitung des Grimmschen Wörterbuchs bereits ihre Ergebnisse einbeziehen und auf ihnen aufbauen.
  5. Zu den technischen Voraussetzungen der Vernetzung der verschiedenen Online-Angebote vgl. das Abstract des Beitrags von G. Neumann und U. Recker-Hamm im Programm zum Arbeitsgespräch zur historischen Lexikographie in Bullay 2008: http://www.uni-trier.de/index.php?id=19939.
  6. Vgl. ausführlicher Plate [Anm. 4], S. 90-92 (mit tabellarischer Zusammenfassung).
  7. Zum elektronischen Textarchiv des MWB und seiner Einbindung in das Online-Angebot vgl. zuletzt R. Plate, Digitale Editionen in der historischen Beleglexikographie. Am Beispiel des Mittelhochdeutschen Wörterbuchs. Beitrag zu: Digitale Editionen. Workshop der Arbeitsgruppe Elektronisches Publizieren der Akademienunion in Zusammenarbeit mit der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Berlin, 15. bis 17. Oktober 2007 (Abstract; Referat als PDF): http://www.telota.de/nachrichten/workshop-digitale-editionen; K. Gärtner und R. Plate, Wörterbuchwege zum Text, in: Wege zum Text. Beiträge des Grazer Kolloquiums (17.-19. September 2008), hg. von W. Hofmeister und A. Hofmeister-Winter (Beihefte zu editio 30), Tübingen [im Druck, erscheint 2009].
  8. Vgl. das Programm des Kolloquiums unter http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/~cd2/drw/Kolloquium_DRW_2008_Programm.pdf.
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