ZfdA 133 (2004), S. 148f.

Mittelalter-Philologie im Internet

19. Beitrag: Der 'Gesamtkatalog der Wiegendrucke' (GW) Im Internet

von Holger Nickel

Im August 2003 wurde von der 'Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz' die Datenbank gesamtkatalogderwiegendrucke.de im Internet freigegeben. Damit können sich Forscher und Bibliothekare an ihren Arbeitsorten über die frühe Drucküberlieferung der sie interessierenden Texte orientieren. Das sicher breiteste bibliographische Nachweisinstrument zu Drucken des 15. Jh.s steht der geisteswissenschaftlichen Forschung weltweit offen.
Geboten werden die publizierten Teile des GW bis zu den 2003 erschienenen Lieferungen 1 und 2 des Bandes XI, die mit dem Artikel 'Historia' für Germanisten, aber auch Philologen anderer Volkssprachen besonders interessant sein dürften, in Titelaufnahmen und buchtechnischen Daten sowie bibliographischen Referenzen entsprechend der Druckfassung. Eingefügt wurden jene Drucke, die im Zuge der redaktionellen Bearbeitung an den laufenden Manuskriptabschnitten (wegen des 'richtigen' Autors oder der 'richtigen' Ansetzung) zurückverwiesen wurden sowie Inkunabeln, die seit Drucklegung neu auftauchten. Es handelt sich weitgehend um eine Abschrift der Druckfassung, aber natürlich wurden vielerorts Ergänzungen und Korrekturen vorgenommen.
Die elektronische Veröffentlichung des zweiten Teils, der bisher nur in Manuskriptform vorliegenden Beschreibungen des hinteren Alphabetteils H-Z, nimmt einen späteren Papierdruck vorweg, soll ihn aber nicht ersetzen. Die 'Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz' hält am Ziel einer Druckfassung (verlegt durch den Verlag Anton Hiersemann, Stuttgart) fest, weil viele der ins Manuskript eingegangenen Nachrichten von den Mitarbeitern ausdrücklich zur späteren Prüfung als vorläufig verstanden wurden. Natürlich ist seit Beginn der Inkunabel-Inventarisierung am GW Anfang des 20. Jh.s die Forschung über Literatur und Typenkunde des 15. Jh.s in allen Bereichen fortgeschritten, so daß viele alte Angaben revidiert werden müssen. Hinzukommt, daß der GW ja als einziges bibliographisches Unternehmen zum Frühdruck eine Enttarnung von 'bibliographical ghosts' leistet, von nicht existierenden Ausgaben, die die wissenschaftliche Tradition oft noch als real betrachtet. Diese Recherchierarbeit kann für die kommenden Alphabetteile nicht präventiv durchgeführt werden.
Ab 'Guillelmus Brito' (GW 11871) entspricht die Datenbank durch die Beschreibungen exakt dem Druck und ist im Beschreibungssatz recherchierbar (unter Benutzung mehrerer Tabellen für Sonderzeichen). Für Drucke nach dem Buchstaben H finanzierte die DFG Eingabekräfte, die die Ankerdaten der im Manuskript verzeichneten Drucke (Autor, Titelansetzung, Druckerangabe, Auswahl aus den Bibliographien) aufnahmen. Die Zählung (M + fünfstellige Zahl) entspricht einer Paginierung des Manuskripts kurz vor dem zweiten Weltkrieg, ihr sind jeweils die Scans der Manuskriptzettel zugeordnet, so daß der Benutzer die alte GW-Beschreibung studieren (und ausdrucken) kann. Namen (Autoren, Beigeber, Herausgeber, Drucker), Titel sowie bibliographische Referenzen (nach den Hauptbibliographien HAINs, COPINGERs und REICHLINGs etc.) sind in Registern zusammengefaßt und gleichfalls recherchierbar.
Da die Datenbank intern gleichzeitig zur Erstellung des Druckmanuskripts genutzt wird, ist sie für alle Aspekte des GW ausgelegt und kann entsprechend befragt werden (z.B. Zusammenstellung der Produktion einer Druckoffizin). Ferner können aber auch weitere Angaben wie z.B. Initien und Sprachangaben erfaßt werden. Für die Mitarbeiter der Redaktion behält der Fortgang der redigierten Druckfassung Priorität, deshalb können leider aus Kapazitätsgründen buchtechnische (Umfang, Zeilenzahl etc.) sowie die bibliographischen Daten der Alphabetteile nach H nicht durchgängig eingefügt werden. Dies wäre insofern besonders wünschenswert, als sich die neue Datenbank dadurch von dem von der British Library in London geführten 'Incunabula Short Title Catalogue' (ISTC, erreichbar u.a. über die Datenbank 'Hand Press Books, HPB' in Mitgliedsbibliotheken des Consortium of European Research Libraries, CERL, oder als 'IISTC' auf CD-ROM) unterscheidet.
Der Benutzer kann sich in der Datenbank des GW über sämtliche der Berliner Arbeitsstelle vorliegenden Nachrichten über Druckausgaben der Inkunabelzeit orientieren. Die Informationstiefe ist unterschiedlich, in den aktuellen Teilen ist sie am besten, in hinteren Teil des Alphabets sind die Angaben oft sporadisch. Für die Abschnitte bis H ist die Datenbank zusammen mit den gedruckten Bänden des GW zu benutzen.
Natürlich sind auch alle Manuskriptzettel gescannt worden, die bereits zusammengestellte Exemplarnachweise (oft auf der Basis von Vorkriegsangaben) bieten. Wenn auch wegen der Kriegsverluste und Besitzveränderungen manches einer Überprüfung bedarf, dürften diese Listen wertvolle Ergänzungen zu ISTC darstellen. Als Scans sind sie freilich nicht recherchierbar.
Der Germanist, speziell der Spezialist mittelalterlicher Literatur, kann sich in dieser Datenbank über ausgangs des Mittelalters wirksame Texte informieren. Ebenso interessant dürfte die Datenbank für die deutsche Fachprosaforschung sein, deren Schriften zusammen mit den oft lateinischen Vorlagen und Paralleltexten gespiegelt werden. Für die Geistesgeschichte wichtig dürften auch die im Namensregister auffindbaren Beigeber sein, sie vermitteln ein Bild von der humanistischen Verflechtungen zwischen Gelehrtenschaft und Buchdruck.
Natürlich ist geplant, die Datenbank weiter auszubauen, möglichst mit Hilfe auswärtiger Institutionen wie der DFG. Beispielsweise wurden in der Redaktion seit langem Initien gesammelt, die die Texte noch exakter erschließen könnten. Gerade für die modernen Philologien scheinen sie wichtig, aber auch unter den lateinischen Schriften dürfte noch so manche unbekannt sein. Diese Angaben würden dann über das gesamte Manuskript von A bis Z eingegeben, so daß die Datenbank ein vollständiges Bild der während der Inkunabelzeit gedruckten Literatur vermittelte. Dies ist umso wichtiger, als die Texte, die während dieser knappen fünfzig Jahre mit beweglichen Lettern vervielfältigt wurden, oft bereits Jahrhunderte vorher entstanden sind und auch in den folgenden Jahrzehnten ihre Wirkung entfalteten.

Ansprechpartner für technische Probleme: Dr. Werner Klarkowski
E-Mail: werner.klarkowski@sbb.spk-berlin.de

Dr. Holger Nickel, Staatsbibliothek zu Berlin - IIIA Gesamtkatalog der Wiegendrucke, D-10102 Berlin
E-Mail: holger.nickel@sbb.spk-berlin.de
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