ZfdA 132 (2003), S. 421-423

Mittelalter-Philologie im Internet

17. Beitrag: Die Einband-Datenbank

von Gernot Giertz

Das hier vorzustellende Projekt wird, gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, gemeinsam von der Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart und der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel betrieben. Sein Ziel ist es, Digitalisate der Durchreibungen von Einbandstempeln in den drei Bibliotheken in einer gemeinsamen Datenbank zusammenzuspielen und im Internet zugänglich zu machen. Dadurch soll eine umfassende Synopse des im 15. und 16. Jh. im deutschen Sprachgebiet benutzten Stempelmaterials präsentiert werden.
Zu den Sonderbeständen der Staatsbibliothek zu Berlin gehören die Durchreibungen von Ilse Schunke. Sie stammen von Einbänden des 16. Jh.s aus den verschiedensten Ländern Europas und belaufen sich auf ca. 13'400 Blätter, überwiegend Gesamtdurchreibungen.
Die Handschriftenabteilung der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel hat mehr als 30 Jahre lang Durchreibungen von Einbandstempeln Norddeutschlands gesammelt, nach Motiven sortiert und in einer Kartei dokumentiert; es handelt sich um rund 5100 Einzelstempel- und ca. 2400 Gesamtdurchreibungen.
Die Württembergische Landesbibliothek Stuttgart betreut seit vielen Jahren die Durchreibungen von Ernst Kyriss. Über die Zahl der von ihm untersuchten Bände, der gesammelten Durchreibungen, der Zahl der identifizierten Stempel und der Werkstätten ist viel gemutmaßt worden. Das Material ist in der Tat noch kaum überschaubar und nur grob zu schätzen. Nach heutigen Erkenntnissen hat Kyriss in den mehr als 40 Jahren Beschäftigung mit gotischen Einbänden in mehr als 50 Städten mehr als 90 Bibliotheken und Archive besucht und dort annähernd 50'000 Bände bearbeitet und bibliographisch erfaßt.

Kyriss hat in seinem vierbändigen Werk "Verzierte gotische Einbände im alten deutschen Sprachgebiet" 186 Buchbinderwerkstätten vorgestellt und 1711 der von ihnen verwendeten Einzelstempel und Rollen abgebildet. Nur 1711 Stempel, ist man versucht zu sagen, denn Kyriss hat von diesen Werkstätten insgesamt 7088 verschiedene Stempel durchgerieben und zugeordnet. So kommt es immer wieder vor, daß in den einschlägigen Repertorien zu lesen ist "nicht bei Kyriss", weil die Stempel, die den betreffenden Einband zieren, zwar von Kyriss erfaßt, nicht aber veröffentlicht worden sind, so daß die Forschung ins Leere läuft. Dem wird nun mit der Fortschreibung der Einband-Datenbank zunehmend abgeholfen.
Durchreibungen von schätzungsweise 20'000 Stempeln liegen in Stuttgart digitalisiert auf CD-ROM vor. Damit steht das Bildmaterial zwar bereit, es liegt aber auf der Hand, daß damit allein noch keine Datenbank aufgebaut werden kann. Eine solche entsteht erst dadurch, daß die Stempel, Rollen und Platten in festgelegten Kategorienschemata beschrieben und die vielen Beziehungen der Werkzeuge und Werkstätten durch Verknüpfungen der Datensätze erkennbar werden, wobei die Werkstatt der Ausgangspunkt ist, dann folgt die Beschreibung des Werkzeugs und erst darauf die Darstellung der buchbinderischen Einheit mit Titel, Vorbesitzer und schließlich der besitzenden Bibliothek und der Signatur des Bandes.

Der eigentliche Kern des Projekts ist jedoch die Dokumentation der Zusammenhänge von Werkstätten, Werkzeugen und buchbinderischen Einheiten. Mit den Titelsätzen wird vorsichtiger umgegangen, denn es kann nicht Sinn der Datenbank sein, reine Kataloginformationen zu wiederholen. Genauso wenig soll die Einbanddatenbank ein Verzeichnis vollständiger Provenienznachweise werden. Es gilt die Regel, daß festgehalten wird, was an Informationen zur Hand ist. Weitere Recherchen müssen zunächst aus Zeitgründen unterbleiben.
Ein wichtiges Ziel unserer Bemühungen um diese Einband-Datenbank ist es, andere Bibliotheken und Kollegen / Kolleginnen zur Mitarbeit zu bewegen und nach demselben Schema ebenfalls neue Stempel und Werkstätten in die Datenbank einzubringen. Wie das im Einzelnen geschehen kann, wird in der zweiten Jahreshälfte 2003 geklärt werden. In jedem Fall wird die Einband-Datenbank aus zwei Datenbanken bestehen: Aus einer zugriffsgeschützten Recherche-Datenbank und einer zweiten, einer Erfassungs-Datenbank, in die auch auswärtige Bearbeiter ihre Images und Datensätze eingeben können. In regelmäßigen Abständen sollen dann diese Beiträge auf ihre formale Korrektheit geprüft und schließlich dem Gesamtbestand zugeführt werden.

Die Sonderrolle der Sammlung Kyriss

Ernst Kyriss hat nur wenige Werkstätten mit wenigen (den am häufigsten gefundenen) Stempeln für die Publikation ausgewählt: Lediglich 38 Klosterwerkstätten, 32 identifizierte Buchbinder mit ihrer Werkstatt, 5 Werkstätten mit Initialen oder Wappen und 111 nach den Notnamen, den 'Leitstempeln', geordnete Werkstätten; wobei die erste Gruppe mit mindestens zehn Bänden, die anderen mit mindestens 25 Bänden belegt sein mußten.
Das sind, wie gesagt, 186 Werkstätten von annähernd 2000, die Kyriss in größeren und kleineren Gruppen erkannt hat: auch diese Zahl ist zunächst nur grobe Schätzung. Ist jede Gruppe eine selbständige Werkstatt oder Teil einer anderen, vielleicht bekannten Buchbinderei? In den von ihm angelegten Mappen mit Werkstätten sind fast 800 unbekannte Buchbindereien versammelt, des weiteren 66 Klöster, 120 namentlich bekannte Buchbinder und 57 Werkstätten mit Initialen und Wappen. Zu diesen rund 1700 Blättern mit digitalisierten Stempel-Durchreibungen kommen noch fast 300 weitere Werkstätten aus Nürnberg, Augsburg, Erfurt, Köln, Österreich, Frankreich, Italien Böhmen, Krakau und Mähren, deren Originaldurchreibungen verloren sind. Von diesen haben wir nur Kopien in der Qualität ihrer Zeit, fotografische Papierabzüge oder Negative. Diese harren noch der Verfilmung und der anschließenden Digitalisierung.

Um die EDV-Präsentation der Kyriss'schen Stempel-Durchreibungen besser zu verstehen, sei noch auf eine Besonderheit der von Kyriss gewählten Numerierung eingegangen: Die Forschung zitiert seit vielen Jahren z.B. "Kyriss 125: Evangelist" und bezieht sich auf den gedruckten Kyriss. Dort, im ersten Band der Verzierten gotischen Einbände, fügt Kyriss dem Eintrag "125. Evangelist" noch den Zusatz "Nr. 24" hinzu. Diese Zählung bezeichnen wir als 'Interne Kyriss-Zählung'. Und als solche taucht sie in der Einband-Datenbank wieder auf und muß künftig als zitierfähig gelten. Unbekannte, also nicht Klosterwerkstätten oder namentlich bekannte Buchbinder, ordnete Kyriss in alphabetischer Reihenfolge, beginnend mit 1ff. So folgt z.B. auf Nr. 24 "Apostel schreibend" - so die ursprüngliche Form des späteren Evangelisten - mit Nr. 25 "ave maria I", Nr. 25.2 "ave maria II" usw. bis hin zu Nr. 220 "Zweige in Herzform". Die Zählung des gedruckten Kyriss wird, so vorhanden, zwar immer genannt, sie ist auch recherchierbar, aber im Grunde nicht mehr relevant. Ganz einfach deswegen, weil nur die von Kyriss in seinen Aufzeichnungen angewandte Zählung für uns Gültigkeit haben kann, da die der Druckfassung zufällig und eben nur für den Benutzer des Buches von Interesse ist. Angesichts der großen Menge unveröffentlichten Materials kann für die Erfassung und Erschließung der Stempel nur die originäre Kyriss'sche Zählung in Frage kommen.

Der "digitale Kyriss" als Teil der Einband-Datenbank wird - zusammen mit den Beiträgen der anderen Bibliotheken - so zu einem wichtigen Arbeitsinstrument für die Einbandforschung, jedoch kein Bildkatalog gotischer Einbände. Jede Wiederholung von Bildinformation wird vermieden. Jeder Stempel wird nur einmal dargestellt und in der Regel nur einmal bibliographisch nachgewiesen.

Und das kooperative Bemühen der drei beteiligten Bibliotheken trägt schon jetzt reichlich Früchte: Die Werkstatt Johannes Fogel z.B., die Kyriss nicht veröffentlicht hat, ist in seiner Sammlung mit 57 durchgeriebenen Stempeln vertreten, bei Schwenke / Schunke mit 35 Stempeln, wovon aber acht nicht bei Kyriss zu finden sind; die Herzog August Bibliothek verfügt über Durchreibungen von 21 dieser Stempel. - Oder Conradus de Argentina in Erfurt: Schwenke / Schunke zeigen 39 Stempel, Kyriss, der auch diesen Binder nicht in seine Publikation aufnahm, zeigt deren 48, die Wolfenbütteler Bibliothek zwar nur zehn, wovon jedoch zwei nicht bei Kyriss zu finden sind. - Man könnte diese Beispiele gegenseitiger Ergänzungen beliebig fortsetzen.

Der Stuttgarter Beitrag zu dieser Text-Bild Datenbank kann sich so darauf konzentrieren, komplette Stempelfolgen für jede Werkstatt zu ermitteln und dabei auf die schon geleistete Erschließungsarbeit von Kyriss zurückgreifen. Mit ihrer Hilfe können schließlich die zwei wichtigsten einbandkundlichen Fragen beantwortet werden: Aus welcher Werkstatt stammt ein noch nicht bestimmter Einband? Über welches Stempelmaterial verfügte eine Werkstatt?
Das Material dafür liegt vor und wird - im Augenblick noch ein work in progress - ab der zweiten Jahreshälfte unter http://db.hist-einband.de im Internet für jedermann zugänglich sein.

Dr. Gernot Giertz, Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, Abt. Alte und wertvolle Drucke, Konrad-Adenauer-Str. 8, D-70173 Stuttgart
E-Mail: giertz@wlb-stuttgart.de
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