ZfdA 131 (2002), S. 405-407

Mittelalter-Philologie im Internet

13. Beitrag: Inventar der Handschriften des Benediktinerstiftes St. Paul im Lavanttal bis ca. 1600

von Christine Glaßner

Zu den bedeutendsten Handschriftenbibliotheken Österreichs gehört jene des Benediktinerstiftes St. Paul im Lavanttal (Kärnten) mit mehr als 2300, darunter 640 mittelalterlichen Codices. Diese stammen mit wenigen Ausnahmen jedoch nicht aus dem Altbestand der 1091 von Engelbert I. von Spanheim gegründeten, von Hirsau aus besiedelten und 1787 aufgehobenen Abtei, sondern aus dem Benediktinerkloster St. Blasien in Schwarzwald (Baden-Württemberg) und dem Kanonikerstift Spital am Pyhrn (Oberösterreich), die beide 1806 säkularisiert worden waren. 1807 zogen die Benediktiner aus St. Blasien nach Spital/Pyhrn, bevor sie sich 1809 endgültig in St. Paul niederließen und mit ihrer eigenen Bibliothek auch jene aus Spital/Pyhrn in ihren neuen Aufenthaltsort mitbrachten. Nur etwas mehr als ein Fünftel des Handschriftenbestandes, darunter 31 mittelalterliche Codices, hatte man in St. Blasien zurückgelassen. Sie befinden sich heute in der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe.(1)

Abgesehen von einigen Zimelien muß der Erschließungsgrad des heutigen St. Pauler Handschriftenbestandes, vor allem in inhaltlicher Hinsicht, als äußerst bescheiden eingestuft werden. Der von BEDA SCHROLL verfaßte handschriftliche Katalog aus dem Jahre 1868 mit Nachträgen aus dem 20. Jahrhundert(2) bietet in einem Beschreibungsteil nur summarische Angaben zu den Handschriften, wobei sich die Hinweise zum Inhalt der Manuskripte häufig auf einen einzigen Text je Handschrift beschränken. Besonders hinderlich für die Forschung ist aber die Tatsache, daß Register zur Erschließung des Katalogs fehlen und so kein rascher Zugriff auf die darin enthaltenen Informationen gewährleistet ist.

Was im Katalog SCHROLLs, wie übrigens in den meisten Handschriftenkatalogen des 19. Jahrhunderts, gänzlich fehlt, sind - abgesehen von Hinweisen auf das Format - Daten zum Äußeren und zur Ausstattung der Handschriften. Diese Lücke ist jedoch durch die kunsthistorische Aufarbeitung des gesamten Bestandes vor allem durch EISLER(3) und HOLTER(4) heute mehr oder weniger geschlossen. Eine Neukatalogisierung der Handschriften des Stiftes St. Paul durch die Kommission für Schrift- und Buchwesen des Mittelalters (KSBM) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, die die österreichischen Handschriftenkatalogisierungsprojekte durchführt, ist in absehbarer Zeit nicht vorgesehen. Um den Bestand aber dennoch auch für die texthistorisch ausgerichteten Disziplinen leichter zugänglich zu machen, wurde ein im Internet zugängliches, dynamisch konzipiertes Inventar erstellt; es erfüllt zwar nicht die Anforderungen eines modernen Generalkatalogs, stellt aber doch für alle interessierten Benutzer weit mehr als die bisher verfügbaren Informationen in kumulierter Form bereit (http://www.oeaw.ac.at/ksbm/stpaul/inv/).

Das Inventar enthält Kurzbeschreibungen der 640 mittelalterlichen Handschriften (bis zum Ende des 16. Jahrhunderts) und der 30 bereits identifizierten und bearbeiteten Fragmente. Ausgangspunkt war die digitale Erfassung des Katalogs von BEDA SCHROLL.(5) Die Daten wurden daraufhin überwiegend aufgrund der einschlägigen Repertorien und der an der KSBM erstellten Bibliographie zu österreichischen Handschriften (vgl. http://www.oeaw.ac.at/ksbm/lit/), in einigen wenigen Fällen auch aufgrund von Autopsie, unter besonderer Beachtung der Vereinheitlichung von Autorennamen überarbeitet und korrigiert.

Das Ergebnis ist als 'opus semper perficiendum', aber auch als digitales Rechercheinstrument zu betrachten, das (zumindest für die mittelalterlichen Handschriften) schon jetzt den Katalog SCHROLLs vollständig ersetzt. An Neuem bietet es, abgesehen von zahlreichen Ergänzungen zum Inhalt der Handschriften, bei SCHROLL nicht vorhandene Daten zur Schriftheimat, genaueren Datierung, Ausstattung und Geschichte der Handschriften, sowie Repertoriumsnachweise und eine Zusammenstellung der wichtigsten Literatur. Integriert wurde weiters eine Signaturenkonkordanz, die 1996 erstmals im Internet publiziert und nun in einer überarbeiteten Version zugänglich ist (http://www.oeaw.ac.at/ksbm/stpaul/sig.htm).(6) Bei den Handschriften aus Spital am Pyhrn finden sich zusätzlich Kurzinformationen zu den Einbänden. Die Handschriftenbeschreibungen wurden somit nach Maßgabe der knappen zeitlichen Ressourcen an den derzeitigen Forschungsstand herangeführt.

Für die nächste Version ist die Einarbeitung weiterer wichtiger Sekundärliteratur und die genauere inhaltliche Aufschlüsselung der Handschriften, die jedoch nur nach Autopsie oder unter Vorlage von Mikrofilmen geleistet werden kann, geplant. Auch ein Register, auf das in der gegenwärtigen Fassung des Inventars aus Zeitgründen und wegen der in der Online-Version ohnehin gegebenen digitalen Suchmöglichkeit verzichtet wurde, ist noch zu erstellen.(7)

Dem vom ehemaligen Direktor der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe im Vorwort zum 1991 erschienenen Katalog der Handschriften aus St. Blasien in Karlsruhe geäußerten Wunsch, "daß auch die Handschriftenbestände in St. Paul bald der wissenschaftlichen Welt durch einen Katalog erschlossen werden"(8), ist damit wohl nicht ganz Genüge getan, aber ein Anfang ist gemacht.

Dr. Christine Glaßner, Österreichische Akademie der Wissenschaften, Kommission für Schrift- und Buchwesen des Mittelalters, Postgasse 7-9, A-1010 Wien
E-Mail: glassner@oeaw.ac.at

Anmerkungen:

  1. Die Handschriften von St. Blasien, beschrieben von P. HÖHLER und G. STAMM (Die Handschriften der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe 12), Wiesbaden 1991, S. XVIIf.
  2. B. SCHROLL, Catalogus codicum manuscriptorum ex monasteriis S. Blasii in Nigra Silva et Hospitalis ad Pyhrum montem in Austria nunc in monasterio S. Pauli in Carinthia, St. Paul 1868 [Handschriftlich mit maschinschriftlichen Nachträgen]. Auch in photomechanischer Reproduktion vorliegend: University Microfilms Ltd. High Wycomb, England, A Xerox Company, Ann Arbor, Michigan, USA.
  3. R. EISLER, Die illuminierten Handschriften in Kärnten (Beschreibendes Verzeichnis der illuminierten Handschriften in Österreich 3 = Publikationen des Institutes für Österreichische Geschichtsforschung), Leipzig 1907, S. 67-125.
  4. K. HOLTER, Die Bibliothek. Handschriften und Inkunabeln, in: Die Kunstdenkmäler des Benediktinerstiftes St. Paul im Lavanttal (Österreichische Kunsttopographie 37), Wien 1969, S. 340-441.
  5. Erst nach der vollständigen digitalen Erfassung des Katalogs erfolgte die Trennung in mittelalterliche und neuzeitliche Handschriften, der die Datierungsangaben (meist in Jahrhunderten) SCHROLLs zugrunde liegen. Die Publikation der neuzeitlichen Handschriften wurde aus zeitökonomischen Gründen hintangestellt, da ihre Bearbeitung die Veröffentlichung des Inventars der mittelalterlichen Handschriften zu sehr verzögert hätte.
  6. Die Erstellung von Signaturenkonkordanzen ist für viele Handschriftenbestände Voraussetzung für die Zuordnung und Nutzung von Forschungsliteratur. Für die Handschriften des Stiftes St. Paul gilt dies in besonderem Maße, was sich etwa daran ablesen läßt, daß die Hinweise auf St. Pauler Handschriften in der an der KSBM erhobenen Sekundärliteratur - insgesamt wurden 1426 Handschriftenzitate aus 262 Publikationen ausgewertet - zu etwa einem Drittel nach den alten Kastensignaturen erfolgen und es bisher nur unter größtem Zeitaufwand möglich war, diese mit der aktuellen Signatur in Verbindung zu bringen. - Aus Anzahl und Verteilung der Handschriftenzitate läßt sich erkennen, daß bis jetzt vor allem der Handschriftenbestand aus St. Blasien das Interesse der Forschung gefunden hat.
  7. Für die Erschließung und Nutzung des Bestandes wäre es wohl am zielführendsten, das Register in die Datenbank 'Manuscripta Mediaevalia' zu integrieren, die sich in jüngster Zeit aufgrund der überarbeiteten und verbesserten Internetpräsentation zu einem ausgezeichneten Recherche-Instrument entwickelt hat (http://www.manuscripta-mediaevalia.de) (vgl. auch J. BOVE, Handschriftenkataloge online, ZfdA 130 [2001] 495f.; dieser Beitrag ist auch über die Website der ZfdA [http://www.zfda.de] in der Rubrik "Beiträge im Internet" zugänglich).
  8. HÖHLER/STAMM [Anm. 1], S. VII.
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