ZfdA 145 (2016), S. 415-420

Mittelalter-Philologie im Internet

44. Beitrag: Die Forschungsdokumentation der Bayerischen Staatsbibliothek zu Handschriften und alten wertvollen Drucken

von Wolfgang-Valentin Ikas

Für Brigitte Gullath (1953-2012)

Viele (Nachwuchs-)Wissenschaftler – und dabei keineswegs nur Germanisten – richten an große Bibliotheken mit reichem Altbestand wie die Bayerische Staatsbibliothek (BSB) zu Beginn ihrer Forschungen dieselbe(n) Frage(n): Gibt es zu einem Thema, über das ich forsche, bereits eine oder mehrere Publikationen? oder Wie ist der Forschungsstand, auf dem ich ggf. aufbauen kann? Diesem berechtigten Interesse begann die BSB bereits im 19. Jh. Rechnung zu tragen, indem sie versuchte, die Publikationen über ihre wertvollsten Sammlungen – gebundene Hss. (Codices) und, soweit greifbar, auch für wertvolle alte Drucke sowie Nachlässe – möglichst vollständig zu sammeln und zu dokumentieren, was insbesondere bei noch nicht in moderner Tiefenerschließung erfassten Hss. ein ungemein wertvolles Instrumentarium darstellt. Eine solche Forschungsdokumentation schließt dann bei neu katalogisierten Hss. die zeitliche Lücke, die zwischen dem Erscheinen der gedruckten Beschreibung und der Gegenwart liegen kann. Die seit einigen Jahren prinzipiell mögliche (wenngleich in der Rea­lität nicht immer praktizierte) Online-Katalogisierung – etwa in 'Manuscripta Mediaevalia' – erlaubt derartige Korrekturen und Nachträge zu den gedruckten Beschreibungen. Die BSB-Forschungsdokumentation hatte indessen bereits sehr viel früher – ohne derartige technischen Möglichkeiten – versucht, diesen Weg zu beschreiten. Diese Entwicklung nachzuzeichnen und zugleich die technisch ausgereifteste Lösung zu würdigen, die seit Ende des Jahres 2015 online genutzt werden kann, ist der Gegenstand dieses Beitrages.

Übersicht über vier Systeme bzw. Datenbanken in mehr als 100 Jahren

Die Urfassung der Dokumentation bestand aus handschriftlichen Vermerken, die ab dem 19. Jh. in einem durchschossenen Exemplar der gedruckten Kataloge eingetragen wurden;(1) ab 1950 wurden im Sinne einer flexibleren Erweiterbarkeit Neuaufnahmen hand- bzw. maschinenschriftlich auf Katalogkarten erfasst. Seit 2002/2003 schließlich wurde hieraus eine online verfüg- und recherchierbare Datenbank, in welche der alte Katalog mit einigen suchbaren Feldern sowie digitalisierten Images der Katalogkarten integriert wurde. Ab 2004 waren auch Neuaufnahmen direkt in der Datenbank möglich.(2)
2014 war die online sichtbare Präsentationsoberfläche der Datenbank technisch etwas in die Jahre gekommen und ist durch eine neue Version abgelöst worden. Diese setzt hinsichtlich fortschrittlicher Such- und Selektionsmöglichkeiten und somit ihrer Benutzerfreundlichkeit durchaus neue technische Maßstäbe. Da vieles davon bereits von dem OPAC der BSB und anderer Bibliotheken sowie den meisten virtuellen Fachbibliotheken (VIFAs) bekannt ist, sollen hier nur einige der wesentlichen Neuerungen näher beleuchtet werden. So gibt es nun u.a.(3)

– Grundsätzlich zwei alternative Sucheinstiege, nämlich die einfache und die erweiterte Suche.
– Neben der deutschen nun erstmals auch eine englischsprachige Oberfläche.
– Eine Auto-Vervollständigen-Funktion, die neben der Erleichterung bei der Eingabe insbesondere eine wichtige Hilfe bei der für Nicht-Bibliothekare nicht immer ganz einfachen und selbstverständlichen Signaturenschreibweise darstellt.
– Neue, zusätzliche indexierte Felder, die dazu führen, dass nun u.a. auch Zeitschriftentitel suchbar sind.
– Eine Sucheinschränkung auf den Lesesaalbestand der Handschriftenabteilung (Hbh), in dem der größte Teil der Forschungsliteratur frei zugänglich ist.
– Inhaltliche bzw. sachliche Selektionskriterien (sog. "Facetten") in der Ergebnisanzeige, darunter Autorennamen, Sprache und Erscheinungsjahre (Zeitabschnitte bzw. Einzeljahre). Neben diesen eher formalen Kriterien sind zwei weitere – der sachliche Aspekt (mit insgesamt elf normierten Kategorien) und die Datenherkunft (Altdaten vor 2003 im Gegensatz zu Neuaufnahmen) – von besonderem Interesse. Zudem wird dem Benutzer die Möglichkeit gegeben, die Treffermenge auf online verfügbare Literatur zu begrenzen (Facette "Bezugswerk: Volltext").
– Sortierfunktionen und Speichermöglichkeiten in einer Merkliste sowie weitere Ausgabemöglichkeiten, u.a. per E-Mail.
– Verzweigungen aus der Forschungsdokumentation in den BSB-OPAC über die Standortsignaturen der erfassten Forschungsbeiträge sowie über die Handschriftensignaturen, wodurch der Benutzer auch direkt über weitere bibliographische Daten informiert wird sowie ggf. einen oder mehrere Links zu den Digitalisaten der Hss. erhält.
– Entsprechende Anschluss-Recherchen innerhalb der Datenbank, u.a. über die jeweils vergebenen Aspekte.
– ... und nicht zuletzt besticht die neue Version auch durch eine optisch ansprechende Gestaltung unter Zuhilfenahme einer der bekannten Hss. der BSB, nämlich den 'Carmina Burana' (Clm 4660). So sind als Banner stets das Rad der Fortuna und u.a. die Anfangsworte des berühmtesten Carmen Buranum O Fortuna, velut Luna, statu variabilis sichtbar, was man durchaus auch als einen Hinweis auf die von vielen Faktoren abhängigen Zufälligkeiten des Retrievals deuten könnte. Die Initiale F wurde als Bestandteil der Überschrift "Forschungsdokumentation" integriert.

Weitere Verbesserungen für Wissenschaft und Forschung

Alles schön und gut, könnte man meinen – aber was nützt die schöne neue Verpackung bei ansonsten gleichem Inhalt? Dem ist indessen nicht so, da auch die Daten selbst zum Zweck einer deutlich verbesserten Benutzbarkeit einer gründlichen Revision unterzogen wurden: Berichtigt bzw. vereinheitlicht wurden Tippfehler, unterschiedliche Namensformen und -abkürzungen sowie nicht (mehr) existente Signaturen; des Weiteren galt es, Abkürzungen im Bereich der Titel aufzulösen. Dubletten bei Titelaufnahmen, die in der Genese der Daten begründet sind,(4) wurden maschinell zu einer neuen Aufnahme zusammengefasst.(5) Die einzelnen Links zu den Images der Kärtchen blieben derweil erhalten und stehen dem Benutzer nach wie vor bequem – und optisch nun deutlich übersichtlicher – zur Verfügung.
Eine weitere damit verbundene Neuerung – gewissermaßen die Version 4.3. – stellt die nun mögliche Verlinkung zu den Volltexten der jeweiligen Forschungsbeiträge dar. Insbesondere diese Funktionalität dürfte der Fachwissenschaft und der interessierten Öffentlichkeit einen erheblichen Mehrwert bieten und somit auch die entsprechende Nutzungsfrequenz deutlich erhöhen. Für die (alt-)germanistische Forschung gibt es inzwischen folgendes attraktive Angebot:

– Insgesamt 112 Aufsätze der 'Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur' (ZfdA) der Erscheinungsjahre 1865 bis 2010 können im Volltext alternativ über 'DigiZeitschriften' bzw. 'JSTOR' abgerufen werden, da immer beide Links in den Datensätzen hinterlegt wurden.(6) Diese scheinbare Doppelung ist in der Überlegung begründet, dass die Heimatinstitution des jeweiligen Forschers ggf. nur eine der beiden Anbieter lizenziert hat und man dennoch einen möglichst großen Nutzerkreis ansprechen will.
– 'Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur' (PBB): Hier wurden insgesamt zehn Aufnahmen der Jahre 1980-1988 mit Links(7) hinterlegt.
– 'Verfasserlexikon' (VL1 und VL2) mit mehr als 3000 erfassten Handschriften-Signaturen sowie das 'Lexikon des Mittelalters'. Während es zu ersterem keine elektronische Fassung gibt, auf die (kostenfrei) verlinkt werden könnte, ist dies beim 'Lexikon des Mittelalters' anders: hier wird bei 114 Aufnahmen zumindest der von der BSB lizenzierte Zugang zur Datenbank angeboten.(8)

Bislang (Stand: 6.7.2016) sind in der Forschungsdokumentation knapp 1900 Links nachgewiesen. Dabei muss die Verlinkung zum Online-Dokument nicht notwendigerweise immer über die (manuelle) Eintragung von Links in die Datensätze der Forschungsdokumentation geschehen. Wie man etwa am Beispiel der Zeitschrift 'Oberbayerisches Archiv' und diverser Monographien(9) sehen kann, wird zum BSB-OPAC über die Standortsignatur verzweigt, von wo aus der Link zum Digitalisat aufgerufen werden kann. Großer Vorteil hierbei ist der geringe(re) Pflegeaufwand, da die Hyperlinks somit in nur einem System aktuell gehalten werden müssen.

Praktische Hinweise

Für eine effiziente und effektive Arbeit mit der Forschungsdokumentations­datenbank sollen abschließend noch einige ergänzende Hinweise gegeben werden:

– Der Zugang zur Datenbank ist auf mehreren Wegen möglich: erstens im Rahmen der Suche nach Handschriftensignaturen über den BSB-OPAC (unter dem Reiter "Weblinks"), zum anderen wird aus dem Bayerischen Verbundkatalog ("Gateway Bayern") heraus über den SFX-Button kontextsensitiv verlinkt. Drittens wird auch auf der BSB-Homepage eine entsprechende Infoseite nebst alternativem Sucheinstieg angeboten(10) und viertens kann der Aufruf direkt über die Adresse https://hsslit.bsb-muenchen.de erfolgen.
– Die Signatur einer Hs. oder eines Drucks stellt das mit Abstand häufigste und wichtigste Suchkriterium dar: Um Unschärfen auszuschließen, empfiehlt sich dabei die exakte Suche bzw. Phrasensuche. Hierfür ist die Signatur in Anführungszeichen zu setzen (z.B. "Clm 4711") und ggf. zu trunkieren. Hinweise auf die korrekte Signaturen-Schreibweise erhält man während der Eingabe zudem über die erwähnte Auto-Vervollständigen-Funktion.
– Handschriftenkataloge wurden in der Forschungsdokumentation üblicherweise nur berücksichtigt, sofern es sich um kunsthistorische Beschreibungen handelte ("Kataloge der illuminierten Handschriften der BSB München"), nicht jedoch die in Tiefenerschließung erstellten Beschreibungen, die sich auf einen bestimmten Signaturenbereich beziehen.(11) Diese Information ist vielmehr über den Internet-Auftritt der BSB zu ermitteln(12) bzw. am einfachsten durch die Signatur-Verlinkung aus der Forschungsdokumentation in den BSB-OPAC, wo zu jeder Hs. die verfügbaren Kataloge aufgeführt werden. Die Bibliothek bemüht sich, bei neu erscheinenden Katalogen diese Informationen aktuell zu halten.
– Sehr gerne kann und soll von anderen digitalen Angeboten, etwa dem für die Arbeit der (Alt-)Germanisten bedeutsamen 'Handschriftencensus' auf die Forschungsdokumentation verlinkt werden. Um die jeweilige Treffermenge und somit die Gesamtheit der verzeichneten Forschungsliteratur-Angaben zu einer bestimmten Handschriftensignatur nachzunutzen, empfiehlt sich die Verwendung eines persistenten Links mit der folgenden URL-Syntax: [Bsp. Cgm 44] [[https://hsslit.bsb-muenchen.de/search?callno="Cgm 44"]https://hsslit.bsb-muenchen.de/search?callno="Cgm 44"].

Für Nutzerrückmeldungen, Kritik und Anregungen ist die BSB stets dankbar. Nicht minder willkommen sind sachdienliche Hinweise zu publizierten und noch nicht in der Forschungsdokumentation erfassten Beiträgen.

https://hsslit.bsb-muenchen.de



Dr. Wolfgang-Valentin Ikas, Bayerische Staatsbibliothek München, Abteilung Handschriften und Alte Drucke, Ludwigstr. 16, D–80539 München
E-Mail: ikas@bsb-muenchen.de

Anmerkungen:

  1. Vgl. hierzu ausführlich den Beitrag von Brigitte Gullath, Die Forschungsdokumentation der Bayerischen Staatsbibliothek als Hilfsmittel der Handschriftenkatalogisierung, in: Katalogisierung mittelalterlicher Handschriften in internationaler Perspektive. Vorträge der Handschriftenbearbeitertagung vom 24. bis 27. Oktober 2005 in München, Wiesbaden 2007, S. 169-174.
  2. Erfassungsgrundlage war damals noch ausschließlich die manuelle Durchsicht von Zeitschriften, Monographien und Belegexemplaren, ab 2007 trat vermehrt die Auswertung von Aggregatoren-Datenbanken, etwa JSTOR, und dergleichen als wichtige Säule hinzu. Weiteres hierzu bei Brigitte Gullath und Wolfgang-Valentin Ikas, Zum Nutzen von E-Zeitschriften, Datenbanken und Internet-Publikationen. Neue Wege im Ausbau der BSB-Forschungsdokumentation zu Handschriften und Seltenen Drucken, in: Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie 58 (2011), S. 72-76.
  3. Weitere, ausführliche Hinweise sind dem Hilfetext zu entnehmen, der als dritter Reiter angeboten wird.
  4. In der Regel einmal als stark verkürzter und damit entsprechend kryptischer Kärtchen-Eintrag sowie als Neuaufnahme, da der maschinelle Dubletten-Check hier nicht greifen konnte.
  5. Beispiel hierfür wäre etwa Bernhard Bischoff, Südostdeutsche Schreibschulen, Wiesbaden 1960. Bis Ende 2014 war dieser Titel noch in 441 Einzel-Nachweisen recherchierbar (davon allerdings 201 Dubletten), jetzt ist es nur noch ein einziger. Obwohl heute bezüglich des Informationsgehalts dichter denn je, hat somit die Zahl der Einzelnachweise bereits um mehr als 50'000 – von ehemals 118'000 auf nunmehr knapp 68'000 (und dies trotz zahlreicher Neuaufnahmen) – abgenommen; ein Trend, der sich im Laufe der Arbeiten noch weiter fortsetzen wird.
  6. Die neuesten Hefte sind aufgrund einer Moving Wall von etwa fünf Jahren nicht online verfügbar. Insgesamt sind derzeit (Stand: 6.7.2016) 138 ZfdA-Beiträge in der Datenbank nachgewiesen.
  7. Insgesamt sind in der Datenbank 30 Einzelnachweise vertreten, über das Portal 'DigiZeitschriften' sind allerdings lediglich die Hefte bis 1995 (Heft 117) digital abrufbar.
  8. Verfügbar als Datenbank unter www.brepolis.net (6.7.2016 – so auch alle folgenden Links).
  9. Z.B. Albert Boeckler, Die Regensburg-Prüfeninger Buchmalerei des 12. und 13. Jahrhunderts, München 1924: https://opacplus.bsb-muenchen.de/search?oclcno=4267657&db=100.
  10. https://www.bsb-muenchen.de/literatursuche/spezialbestaende/handschriften-und-nachlaesse/forschungsdokumentation-handschriften.
  11. So bspw. die gedruckten Kataloge der lateinischen Hss. einschließlich des sog. Supplements (Clm 1-29990) oder der deutschsprachigen Hss. (Cgm 1-derzeit 5800).
  12. https://www.bsb-muenchen.de/literatursuche/spezialbestaende/handschriften-und-nachlaesse/gedruckte-handschriftenkataloge-der-bsb.
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