ZfdA 142 (2013), S. 415f.

Mittelalter-Philologie im Internet

39. Beitrag: Die Nibelungen-Werkstatt. Synopse der vollständigen Handschriften

von Walter Kofler

Alle Hss. des 'Nibelungenlieds' auf einen Blick? Der Versuch wurde gewagt! Abgesehen von der Abschrift h, die auch Joachim Heinzle für "textkritisch irrelevant" hält,(1) werden im Online-Projekt 'Nibelungen-Werkstatt' alle (weitgehend) vollständigen Hss. des 'Nibelungenlieds' (A, B, C, D, I, a, b, d, k, n) in synoptischer Anordnung geboten; hinzu kommen die Bruchstücke T und l, die eigene (Unter-)Redaktionen repräsentieren, sowie die Lesarten der übrigen Fragmente. Anders als bei Michael S. Batts,(2) an dessen Ausgabe sich diese Arbeit orientiert, wurden die selbstständigen Lesarten im Vergleich mit der redaktionell nächstverwandten Leiths. ermittelt.

Die Synopse umfasst 2605 Seiten, wobei für jede eigenständige Strophe eine Seite veranschlagt wurde (inklusive einiger Redundanzen). Aus dem Gesamtkorpus der 'Nibelungenlied'-Überlieferung stehen rund 21'500 Strophen im Volltext und ca. 2570 Lesarten für Textvergleiche zur Verfügung. Wie in der (hypothetischen) Passauer Schreibstube zu Beginn des 13. Jh.s(3) wurden auch für dieses Projekt die Textredaktionen von einem Kollektiv ausgearbeitet – quasi einer neuen Nibelungen-Werkstatt.

Hauptzweck dieser Ausgabe ist es, einen möglichst komfortablen Überblick über den Strophenbestand und die Lesarten der Hss. des 'Nibelungenlieds' zu bieten. Dafür wurde der Text leicht normalisiert und dem gewählten Präsen­tationsmuster - Strophen mit acht Halbzeilen - angepasst. Wer sich allerdings detaillierte Angaben über Schreibereigenheiten, Ausstattungsmerkmale oder den exakten Umfang aller defekten Textpassagen erwartet, wird sich enttäuscht sehen. Dies konnte im Rahmen dieser Arbeit nicht geleistet werden. Für Detailfragen bleibt ein Blick in die Hs. bzw. auf das Digitalisat(4) ja ohnehin unerlässlich.

Entstanden ist das (virtuelle) Werkstatt-Projekt aus den Vorarbeiten von Hermann Reichert (Wien) und seinen Studenten ab den 1990er-Jahren. Die dabei erstellten Transkriptionen von A, B und C wurden ebenso in das Projekt eingebracht, wie die Arbeiten von Peter Göhler (Berlin – Hs. n), Roswitha Pritz (Wien – Hs. d) und Margarete Springeth (Salzburg – Hs. k). Allen Beteiligten gebührt an dieser Stelle mein aufrichtiger Dank! Ich selbst habe die übrigen Textabdrucke - abgesehen von Hs. T -(5) beigesteuert und die Ausgabe redigiert. Aus Gründen von problemlosen, plattformunabhängigen Darstellungs- und Bearbeitungsmöglichkeiten wurde letztlich das PDF-Format bei der Umsetzung dieses Projekts gewählt.

Projektadresse: http://germanistik.univie.ac.at/links-texts/textkorpora/

Dr. Walter Kofler, Peintal 2, A–4655 Vorchdorf (Oberösterreich)
E-Mail: walter.kofler@ams.at

Anmerkungen:

  1. Joachim Heinzle, Zu den Handschriftenverhältnissen des 'Nibelungenliedes', in: ZfdA 137 (2008), S. 305-334, hier S. 314, Anm. 36.
  2. Das Nibelungenlied. Paralleldruck der Handschriften A, B und C nebst Lesarten der übrigen Handschriften, hg. von Michael S. Batts, Tübingen 1971.
  3. Vgl. Joachim Bumke, Die vier Fassungen der 'Nibelungenklage'. Untersuchungen zur Überlieferungsgeschichte und Textkritik der höfischen Epik im 13. Jahrhundert, Berlin/New York 1996, S. 590-594.
  4. Eine aktuelle Übersicht über die digitalisierten Hss. bietet der 'Handschriftencensus' (http://www.handschriftencensus.de/werke/271).
  5. Der Text von Hs. T wird (einschließlich Ergänzungen) nach der Ausgabe von Maurits Gysseling geboten: Brabantse vertaling van het Nibelungenlied, in: Corpus van middelnederlandse teksten, reeks II, deel 1, 's-Gravenhage 1980, S. 375-379.
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